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Das große und das kleine Glück

 

Das Glück war die Leidenschaft aller großen Philosophen und Religionsstifter. Auch wenn sie scheinbar etwas ganz anderes in den Mittelpunkt ihrer Botschaft rückten, eigentlich waren sie immer nur darauf aus, selbst glücklich zu werden und den Mitmenschen zu sagen, wie man glücklich wird. Keiner hat es geschafft, sonst wäre dieses Thema längst kein Thema mehr. Auf die Frage, wie man glücklich werden kann, gibt es also mindestens so viele Antworten wie es philosophische Lehren oder Religionen gibt. Ist das nicht Beweis genug, dass es sinnlos ist, weiter dieser alten Frage nach zu laufen,  wie einer unerreichbaren Geliebten? Kann ein Mensch überhaupt glücklich sein? Diese Frage könnte man sich wohl im Angesicht der unzähligen gescheiterten religiösen, philosophischen und wissenschaftlichen Systeme stellen.

 

Jeder aber weiß, dass der Mensch zu tiefem starken Glück fähig ist. Nur nicht immer und überall. Aber die Geistesgrößen waren immer zu unbescheiden, sie waren nie mit einem beschränkten Glück zufrieden, sie wollten alles. Sie verachteten das kleine Glück als gemein, spießig und kitschig. Sie wollten das hohe, hehre, dauerhafte, überirdische, göttliche Glück. Aber ein solches Glück ist eben nicht menschlich und man muss erst den Menschen abschaffen, um es zu verwirklichen. Zuerst müsste aus dem normalen Menschen mit seinen Wünschen, Sehnsüchten, seiner persönlichen Vergangenheit, seinen Unvollkommenheiten, seinen Beschränkungen und Fehlern ein idealer Mensch, möglichst auch in einer idealen Gesellschaft werden.

 

Die Rezepte der Philosophen und die Forderungen der Religionen liefen meistens darauf hinaus, eine Art Übermenschen zu schaffen, der auf seine Eigenheiten, Kanten und Fehler verzichten muss, um in einem individuellen oder einem gesellschaftlichen Paradies leben zu können, wenn schon nicht in diesem sondern zumindest in einem nächsten Leben oder in einem Jenseits nach dem Leben.

 

Der einzige allgemein bekannte Philosoph, der eher ein bescheidenes Glück im Auge hatte, war Epikur. Er gilt daher auch als ein minderer Philosoph und die Vertreter seiner Philosophie gelten keinesfalls als Über- sondern eher als Untermenschen. Mit dem kleinen Glück ist kein Staat zu machen. Aber nicht durch Epikur, sondern durch die unzähligen gescheiterten großen Philosophen wissen wir, dass wahrscheinlich für den Menschen kein anderes als ein kleines Glück zu haben ist.

 

Die erste Gretchenfrage also ist nicht: "Wie hältst Du´s mit der Religion?", sondern "Muss es unbedingt das ganz große Glück sein?"   Ist die ehrliche Antwort eines Glücksuchers „ja“, dann kann man ihm nur zu seinem heroischen Geist gratulieren und ihm alles Gute auf der Suche nach dem endgültigen Rezept wünschen. Ist er ein Intellektueller oder Asket, wird ihn vielleicht die Suche selbst ein kleines Glück bescheren, das große Glück oder das Rezept dazu wird er nicht finden und er wird ein zutiefst Unglücklicher bleiben.

Nur das kleine, beschränkte Glück kann ein sinnvolles, weil erreichbares Ziel sein. Wer unbedingt mehr haben muss, ist vielleicht ein großer, aber immer ein tragischer Mensch.

 

Die erste Lektion, die der Glücksucher lernen muss:

Vergiss das Streben nach dem großen Glück, sonst wirst Du auch das kleine Glück nie erreichen

 

Wer sich klein, schäbig und mickrig vorkommt, weil er nur das kleine Glück sucht, der muss noch viel lernen im Leben.

 

Was ist das kleine Glück?

 

Das kleine Glück wird deshalb so wenig geachtet, weil es einfach mit Genuss zu tun hat. Aber nur der echte und rechte Genuss kann auch glücklich machen. Echt ist ein Genuss, wenn er nicht nur die Sinne,sondern auch die Seele anspricht. Und recht ist ein Genuss nur dann, wenn er nicht schadet.

Vor kurzlebigen Genüssen, die uns selbst auf Dauer schaden, müssen wir uns hüten. Und selbstverständlich kann ein Genuss, der auf Kosten anderer geht oder anderen sogar schadet uns auf Dauer nur selbst Unheil bringen.

 

Das kleine Glück lacht im Genuss, der mit Mäßigkeit und Rücksicht gepaart ist.

 

Glücklich sein kann man nur, wenn man den Genuss nicht verschmäht, aber auch nur wenn man auf manchen verlockenden kurzzeitigen Genuss leicht verzichten kann.