Wenn ich meine Aufmerksamkeit etwas zuwende, dann wähle ich dieses für mich aus und orientiere mich daran, alles andere, im Augenblick nicht so wichtige, beachte ich nicht direkt. Indem ich mich etwas aktiv zuwende, fühle ich mich wacher. Normalerweise wird die Aufmerksamkeit automatisch durch Signale erregt, die ich für mich relevant halte. Die wirksamsten Auslöser sind
· Gefahrensignale
· Unbekanntes
· gefühlsbeladene Situationen.
Schwer ist es, dem Alltäglichen und Banalen seine volle Aufmerksamkeit zu widmen. Um ganz bei einer alltäglichen Tätigkeit sein zu können, sollten wir uns immer klar machen
· In jedem Bekannten versteckt sich etwas Neues. Wir müssen es nur finden.
· Etwas falsch oder fehlerhaft zu machen, bringt später Unannehmlichkeiten
· Das Wichtigste ist das, was wir gerade tun. Nur was gegenwärtig ist, ist sicher.
· Selbst die leiseste Freude wird zum gewaltigen Erlebnis, wenn wir nur ganz und gar darauf hinhören und uns darin versenken und ganz mit fühlen.
Wenn wir diese Erkenntnisse verinnerlichen, gelingt es uns, mit positiven Gefühlen ganz bei der Sache zu sein. Dies ist mehr als nur nackte Aufmerksamkeit, es ist Achtsamkeit.
Das ist die höchste Tugend: die Kunst der Achtsamkeit. Achtsamkeit macht uns wirklich reich. Sie ist für sich eine echte Tugend und gleichzeitig die Basis aller Tugenden. Denn wer vollständig achtsam ist, ist auch treu. Eine Liebe, die aus tief empfundener Identifizierung erwächst, ist so stark, dass sie immer ein fester Anker sein wird.
Warum trägt aber Achtsamkeit seinen Lohn auch unmittelbar in sich? Weil unser Geist durch sie unser ganzes Wesen auf das Wahrgenommene lenkt und so eine „unio mystica“, die wunderbare chymnische Hochzeit entstehen lässt. Das ist ja das Berückende an einem spannenden Spiel, an einer packenden Geschichte, die wir hören oder sehen, dass sie uns gefangen nimmt und unsere Aufmerksamkeit erregt und fesselt. Wir fühlen uns ganz lebendig, wir tauchen aus der Zeit ein in die Zeitlosigkeit, wir leben in diesen Augenblicken auf einer Insel der Seligen. Und diese Insel liegt vor uns: hier und jetzt. Wir brauchen nicht träumen von Südsee und Palmenstränden, eine singende Amsel im Hinterhof ist genau so berauschend, wenn wir ihr voll und ganz lauschen.
Man befürchtet zu Recht, dass Gewohnheit meistens selbst das Schönste schal und banal macht. Muss das wirklich so sein? Kann uns unser Lieblingsgericht nicht auch dann noch schmecken, wenn wir es schon hundertmal gegessen haben? Kann nicht der Partner noch immer beglücken, auch wenn wir schon viele Jahre mit ihm verbracht haben?
Ja und nein! Die Gewohnheit wird zum Spielverderber, wenn wir stehen bleiben, wenn wir aufgehört haben, dem Neuen, Einzigartigen in jedem Erlebnis erneut nachzuspüren. Wir können in unserem Leben nie zweimal dieselbe Suppe löffeln. Die Suppe, die vom Mittagstisch übrig blieb, schmeckt am Abend anders. Spüren wir doch den Veränderungen nach! Diese können an der Suppe selbst liegen oder an den anderen Begleitumständen, unter denen wir sie essen. Weiß ich denn, welche Suppe frisch und welche etwas abgestanden besser schmeckt? Bin ich mir bewusst, welche Rolle meine Stimmung für den Geschmack der Suppe spielt? Wahrscheinlich würde ich mich intensiver um die richtige Stimmung bemühen, wenn ich das wüsste.
Wenn einer allerdings der Meinung ist, die heutige Suppe sei die gleiche wie gestern und vorige Woche und voriges Monat und und und..., für den ist diese Zeit seines Lebens, während er die Suppe löffelt, vertane Zeit. Es mag ja sein, dass die Suppe immer noch für den Körper leidlich nahrhaft ist, aber für die Seele ist sie eine Zumutung. Das liegt aber nicht an der Suppe, sondern an unserer Einstellung, an unserer Unachtsamkeit, an unserer Oberflächlichkeit.
Lernen wir also eine der wichtigsten Lektionen für Lebensglück:
Üben wir in jedem Augenblick, uns ganz auf das einzulassen, was wir tun. Es gibt im Leben nichts Banales. Banalität entsteht nur in unserer Betrachtung. Diese Wahrheit muss uns so unverrückbar sein, wie das Wissen um die Erdanziehung oder irgendein anderes Naturgesetz.
Es ist ja auch ein Naturgesetz, dass unsere Erlebnisfähigkeit immer weiter gehen kann und dass nur ein Weitergehen, die Belohnung des Glücksgefühls hervorrufen kann. Aus den kleinen Wundern werden große, wenn wir sie nur beachten.
In jedem Aschenputtel steckt eine Prinzessin, in jedem Frosch ein Prinz! Die Wunder umgeben uns jetzt und hier, wir brauchen sie nur zu erlösen. Wie weise sind doch die uralten Geschichten der Metamorphosen! Es ist bestimmt eine Bedeutung der Erlösung, die alle Märchen und alle Religionen suchen, die Offenbarung des Verborgenen.
Konzentration ohne besondere Anstrengung:
Irgendwie haben wir leider immer das Gefühl, dass man sich stark anstrengen muss, wenn man sich konzentrieren will. Man beißt die Zähne zusammen, um „verbissen“ an einem Problem zu arbeiten. Was für ein Horror! Ganz anders beim Spiel: wir konzentrieren und freiwillig und können nicht genug kriegen, auch wenn wir gehörig ins Schwitzen kommen. Hier konzentrieren wir uns automatisch, warum nicht auch dann, wenn es wirklich darauf ankommt.
Zwischen einer realen Aufgabe und einer Spielsituation gibt es eben entscheidende Unterschiede. Erstens liefert ein Spiel sehr schnell Erfolgserlebnisse, also eine tiefgreifende Belohnung für unsere Konzentrationsleistung. Im Spiel geht es wie in der Wirklichkeit auch darum, den Risiken auszuweichen und mit ihnen fertig zu werden, aber diese Risiken sind eben nur virtuell und schädigen uns nicht (es sei denn man spielt um Geld, dann wird aus dem Spiel leicht schnell Ernst).
Wir können daher aus einer Spielsituation nicht so leicht etwas für unseren Alltag lernen. Oder doch? Nun zumindest die Belohnungen könnten wir doch organisieren. Also lernen wir zunächst, dass wir uns für alle unsere Leistungen unmittelbar belohnen.
Ein einfacher, wirksamer Weg, uns bei der Stange zu halten, sind beurteilende Selbstgespräche, die unser Tun begleiten. Sagen wir uns jedesmal, wenn etwas so gelingt, wie erwartet: „gut so“ oder eine ähnliche Bestätigung. War das Ergebnis nicht zufriedenstellend, dann tadeln wir uns nicht, sondern sprechen in Gedanken wie ein guter Coach zu uns ermunternde Kommentare, wie: „das war noch nicht gelungen“ oder „das nächste mal gelingt es mir sicher besser“ oder ähnlich.